Siegeszug der Ärmelkanal-Nationen

Im WM-Halbfinale spielen nur noch europäische Mannschaften. Die Favoriten aus dem Westen werden dabei vom Geheimfavoriten aus dem Südosten gefordert.

von
Marco
Huber
Uhr

Es ist Halbfinalzeit in Russland. Und mittlerweile ist aus der Fussball-Weltmeisterschaft eine Mini-Europameisterschaft geworden. Mit Uruguay, das mehr zu sein schien als nur einer dieser viel zitierten Geheimfavoriten, und Rekordweltmeister Brasilien haben sich nun auch die letzten südamerikanischen Vertreter verabschiedet. Geografisch etwas präziser formuliert sind es die Ärmelkanal-Anrainer, die das Feld der verbliebenen Vier dominieren.

Primus Premier League

Frankreich, Belgien und England verfügen allesamt über Spieler aus der besten und teuersten Liga der Welt. In den Kadern dieser Teams stehen nicht weniger als 40 Spieler bei einem Verein aus der Premier League unter Vertrag. Aus der spanischen Primera Division sind es mit elf und aus der deutschen Bundesliga mit sechs vergleichsweise wenige. 

Natürlich trügt der Schein etwas, weil sämtliche englischen Spieler in der heimischen Liga aktiv sind, obschon ihnen in ihren Klubs oftmals ein ausländischer Star vor der Sonne steht. England hat Kane, aber Belgien hat Courtois, de Bruyne, Hazard und Lukaku - Frankreich neben Griezmann und Mbappé eben vor allem auch Lloris, Pogba, Kanté oder Giroud.

2010 streikten die Franzosen während der WM das Mannschaftstraining.

Diszipliniertere Franzosen

Die Franzosen. Als einer der Topfavoriten gestartet haben sie zunächst bitter enttäuscht. In der Gruppenphase zeigten sie nur das Nötigste. Die Steigerung folgte in der K.o.-Runde. «L'équipe tricolore» verfügt über das Mittelfeld mit der grössten Qualität egal ob sie nun im Dreierverbund oder in der Raute mit Griezmann als hängende Spitze agieren. Und vorne rennt Mbappé allen davon. Die Abwehr dagegen ist nicht unverwundbar, zumal die beiden Aussenverteidiger Hernandez und Pavard nach vorne munter mitmarschieren.

Disziplinarisch scheinen die Franzosen aber aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt zu haben. Vergessen ist das Fiasko an der WM 2010 in Südafrika als Spieler die Revolution ausriefen nachdem Stürmer Nicolas Anelka aufgrund eines Zwists mit Coach Raymond Domenech aus der Mannschaft geworfen wurde. Später musste Captain Thierry Henry bei Staatspräsident Nicolas Sarkozy im Élysée-Palast antraben.

Viel Weltklasse und noch mehr Weltklasse

Dieser Thierry Henry ist nun ausgerechnet bei Frankreichs Widersacher auf dem Weg ins Endspiel engagiert. Der Rekordtorschütze von «les Bleus» ist zweiter Assistent im belgischen Trainerstaff. Diese Belgier haben eindrücklich demonstriert, dass sie mit den Vorschusslorbeeren der goldenen Generation umzugehen wissen. Der Halbfinaleinzug ist der grösste WM-Erfolg für den Verband. Und wer im gegen Japan ein für viele verloren geglaubtes Spiel dreht und danach Brasilien ausschaltet kann auch Frankreich schlagen.

In einer Partie, in der viel Weltklasse auf noch mehr Weltklasse prallt, ist vieles möglich. Der Dreizack mit de Bruyne, Hazard und Lukaku ist die schnellste Umschaltformation, die ein Trainer überhaupt aufstellen kann. Auf der Aussenverteidigerposition wirkten hingegen die «Diables rouges» nicht immer ganz stilsicher. Dafür haben sie mit Courtois einen Mann zwischen den Pfosten, der bislang ein fast fehlerfreies Turnier spielt. Das sind genügend Argumente, die in diesem Duell der Nachbarländer, für den kleineren Bruder sprechen.

Belgische Mauer: Thibaut Courtois spielte bisher ein fast fehlerfreies Turnier.

Britische Gambler?

Und England? Das Mutterland des Fussball ist nach 28 Jahren endlich wieder da wo es sich jahrelang  wähnte. Unter die besten Mannschaften der  Welt – nicht nur auf dem Papier. Die junge Mannschaft hat mit Stabilität, Kaltblütigkeit und Variabilität in der Angriffsauslösung überzeugt. Kick and Rush ist längst überholt – auch auf der Insel. Die Three Lions haben es geschafft, Kampfgeist und Kombinationsfussball zu vereinen. Trotzdem: Das Image der Gambler dürften die Briten nicht ganz loswerden. Schliesslich konnten sie durch die knappe Niederlage im letzten Gruppenspiel gegen Belgien die vermutlich schwerere Tableauhälfte umgehen. 

So ausgelassen feierten die englischen Fans den ersten Halbfinaleinzug seit 28 Jahren.

Gefordert werden die doch eher unerfahrenen Engländer nun von den talentierten Kroaten, die sich Runde für Runde vom erweiterten Kreis der Geheimfavoriten zu einem ernst zu nehmenden Titelkandidaten gemausert haben. Schon jetzt ist das Vorpreschen unter die letzten vier der grösste Erfolg für die «Vatreni», die Feurigen, wie sie von ihren Landsleuten auch genannt werden. Kein Wunder tanzten die Spieler nach dem Halbfinaleinzug in ihrem Teamhotel in Sotschi auf den Tischen.

Nun will das Team von Zlatko Dalic die Fussballgeschichte des immer noch jungen Landes um ein grosses Kapitel weiterschreiben. Im Zentrum ist mit Modric und Rakitic genügend Weltklasse vorhanden, um diesen Schritt zu machen. Dennoch dürfte es gegen die unbekümmerten Engländer um den momentanen Torschützenkönig Kane schwierig werden, weil das Team von Gareth Southgate in der Breite doch über mehr Klasse verfügt. Diese These untermauert die Auswechselbank mit starken Offensivkräften wie Vardy, Rashford oder Loftus-Cheek. Gegen die Kroaten spricht zudem die Statistik: Noch nie ist eine Mannschaft Weltmeister geworden, die zuvor zwei Partien im Elfmeterschiessen für sich entschieden hatte. Zudem liegt die Wahrscheinlichkeit, dass die Dominanz der Ärmelkanal-Nationen endet, nur gerade bei 25 Prozent.

Bereits 1998 sorgten die Kroaten mit dem Einzug ins WM-Halbfinale für eine Überraschung.

Autor: Marco
Huber