Zum Händeverwerfen

Fast keine Regelauslegung ist so umstritten wie die um absichtliches oder unabsichtliches Handspiel.

von
Marco
Huber
Uhr
RUSSIA SOCCER FIFA WORLD CUP 2018

Anfang vom Ende: Nach dieser Szene entschied der Schiedsrichter auf Strafstoss für die Russen und gegen Spaniens Gerard Piqué.
(Foto: Keystone)

Achtelfinale zwischen Spanien und Russland. Es läuft die 40. Spielminute. Nach einer Ecke fliegt der Ball Gerard Piqué an den Handrücken. Der Innenverteidiger der Iberer steht in dieser Szene mit dem Rücken zum Spiel. Artjom Dsjuba verwandelt den Strafstoss. Es ist der Anfang vom Ende der Titelträume der Furia roja.

Immer wieder sorgt ein Körperteil für hitzige Diskussionen, das im Fussball eigentlich nichts zu suchen hat: die Hand. Wenn ein Verteidiger den Ball im eigenen Strafraum mit der Hand berührt folgt ein Elfmeter – so weit so gut. Nur wird die Regel ausgelegt, je nachdem, wer da gerade die Trillerpfeife in den Fingern hält.

Überall Hände im Spiel

Umstritten auch der Pfiff nach vermeintlichem Handspiel von Portugal-Verteidiger Cedric im Gruppenspiel gegen den Iran. Nachdem der Video-Assistent sich die Szene nochmals zu Gemüte geführt hatte, zeigt der Ref auf den Punkt. Strittig auch die Intervention des argentinischen Verteidigers Marcos Rojo, der den Ball nach einer Nigeria-Flanke an seinen nicht mehr ganz angewinkelte Arm köpfelt. Hier bleibt der Penaltypfiff aus. Die Begründung: es sei keine Absicht auszumachen.

Tatsächlich steht in den offiziellen Regeln der Fifa, dass ein Handspiel nur dann vorliegt, wenn ein Spieler den Ball mit seiner Hand oder seinem Arm absichtlich berührt. Der Schiedsrichter achte in der Beurteilung von Hands auf die Bewegung der Hand zum Ball, die Position der Hand und die Entfernung zwischen Gegner und Ball.

Stürmer als Torhüter: Luis Suarez verhinderte im Viertelfinale der WM 2010 gegen Ghana mit unlauteren Mitteln den Siegestreffer.

Im Zweifel für den Verteidiger

Immer wieder hört man in Spielanalysen im Studio schlaue Experten. Die Rede ist von einer klaren «Vergrösserung der Körperfläche» von natürlichen oder weniger natürlichen Handbewegungen oder von Armen, die da oben nichts zu suchen haben.

Alles schön und gut. Nur sind dies allesamt Interpretationen der Schiedsrichter, die sich mittlerweile ins Repertoire der Zuschauer eingeschlichen. Im Regelwerk steht davon keine Silbe. Wieso solche Massstäbe nicht herbeigezogen werden bleibt unklar.

Da hat die Hand nichts verloren: Portugals Verteidiger Abel Xavier an der 2000 im Halbfinal gegen den späteren Europameister Frankreich.

Klar ist: Beim Handspiel wird es immer wieder zu Situationen kommen, die man nicht einheitlich bewerten kann, weil mehrere Faktoren für oder gegen eine Absicht sprechen.

Ist es denn natürlich, dass ein Verteidiger bei Zweikämpfen im Sechzehner in feinster Pinguin-Manier ihre Hände hinter den Rücken zieht, weil er Angst hat, dass ihm der Ball an die Hand fliegen könnte? Wünschenswert wäre da eine Auslegung, die im Zweifelsfalle für den Verteidiger entscheidet. Ein anderer Grundsatz für Refs: Lieber ein absichtliches Handspiel weniger bestrafen als ein unabsichtliches zu viel. Ansonsten gilt weiterhin: Hands ist, wenn der Schiedsrichter pfeift. Und diese banale Begründung kann ja wohl nicht der Ernst sein, wenn es um die Meisterschaft, ums Weiterkommen und damit um Millionenbeträge geht.
 

Autor: Marco
Huber