Wie der seichte Rassismus public-viewing-fähig wird

Während der WM haben derbe Sprüche Hochkonjunktur. Manche sind aber mehr als grenzwertig.

von
Marco
Huber
Uhr

An Public Viewings sind zuweilen auch flapsige und unangebrachte Sprüche zu hören. (Archivfoto: Züriost)

«Jetzt kämpfe mal, du Araber!» Der Satz, zu hören an einem Public Viewing, hallt nach. Vorgebracht wurde er von einer jungen Frau im weissen Shirt der Adler aus Karthago, wie die Tunesier ihre Nationalmannschaft nennen. Ein pauschaler, ethnischer Kampfbegriff, um einen Nationalspieler aus dem Heimatland zum Kämpfen zu animieren? Delikat.

Währenddem die Fussball-Weltmeisterschaft im Gange ist und vielerorts viele das Gefühl haben, sich als Fans outen zu müssen, wird dieser latente Rassismus Public-viewing-fähig. Die seichte Diffamierung kennt verschiedene Züge.

Geht etwa die Bemerkung eines SRF-Kommentators in Ordnung, dass Spaniens Abwehrchef Sergio Ramos gleich von zwei Iranern bedrängt wird? Müsste er da nicht fairer halber die Namen der Iraner ebenso nennen? Und seien wir mal ehrlich: welcher Fussballreporter gibt sich schon Mühe nachzuprüfen, ob er die Namen der südkoreanischen Spieler richtig ausspricht? Heikel auch die Bemerkung, die Beni Thurnheer jüngst über die Lippen rutschte. Über Costa Ricas Nationaltrainer Óscar Ramírez meinte der «Schnurri der Nation» lapidar: «Er sieht so aus, wie man sich einen richtigen Costa Ricaner vorstellt.» Über solche Beispiele lässt sich aber diskutieren.

Bananen auf dem Spielfeld

Keine Meinungsverschiedenheiten dürften hingegen darüber bestehen, was in manch einer englischen Fankurve in der Vergangenheit zu hören war. So sangen die gegnerischen Anhänger über den togolesischen Stürmer Emmanuel Adebayor: «Adebayor, Adebayor – your father washes elephants, your mother is a whore!» (Adebayor, Adebayor – dein Vater wäscht Elefanten, deine Mutter ist eine Hure). Und die Kurve Lazio Roms titulierte einst vier farbige Spieler des Erz- und Stadtrivalen AS Roma – vier Brasilianer und einen Franzosen – als Afrikaner. «Emerson, Cafu‘, Lima, Zebina, questa Roma qua sembra l’Africa!» Als der dunkelhäutige, italienische Stürmer Mario Balotelli spielte, warfen Tifosi auch schon mal Bananen aufs Spielfeld. Ein absoluter Skandal. Dass manche Ultras von Clubs Spieler auf den Rängen verunglimpfen ist medial hinlänglich bekannt.

Seltener kommt es vor, dass sich jemand dem Fananhang von Nationalmannschaften annimmt. Bei Spielen der Schweizer Nati fallen einem einige Anhänger in roten Shirts mit nationalistischen Symbolen wie der Aufschrift «Eidgenosse» oder «1291» auf. Und vermutlich dürften sich in der Schweiz kürzlich auch mehr Leute über die Niederlage der Deutschen statt über den Sieg der Mexikaner gefreut haben.

Hype um Isländer

Die Deutschlandfeindlichkeit ist in dieser Hinsicht praktisch ein eigenes Genre. Rückblende: Als im Viertelfinale der WM 1998 in Frankreich Deutschland auf Kroatien traf, sympathisierten viele Schweizer mit den Südosteuropäern. Die Anti-Jugoslawien-Ressentiments, die als Folge der Zuwanderung nach dem Krieg auf dem Balkan hierzulande grassierten, waren wie verpufft. Sie schwappten mancherorts über zu kollektiver Antipathie gegenüber den deutschen Fussballern – begründet sicher auch mit der sportlichen Erfolgssträhne des nördlichen Nachbars, der zwei Jahre zuvor in England zum dritten Mal Europameister geworden war.

Und dann gibt es aber auch Teams, die schnell grosse Sympathien geniessen, ja gar jedermanns Liebling werden. Südkorea 2002 war so ein Kandidat oder natürlich die Isländer, um die an der Euro 2016 ein Hype entstand. Es sind dies Gegenstücke zu jenen Mannschaften, die Neider haben, weil sie überaus erfolgreich sind oder es einst waren.

Wie vielerorts, gibt es auch im Fussball Moralisten, die politische Korrektheit fordern. Der Diskurs ist eröffnet. Man kann sich aber auch fragen: Braucht es im Fussball Political Fairplay wenn es schon kein Financial Fairplay gibt? 

Autor: Marco
Huber