Das Hitzfeld-Tabu

Schon einmal war die Ausgangslage für die Schweizer Nati nach einer positiven Überraschung in einem WM-Startspiel hervorragend. Dass sie vor acht Jahren in Südafrika trotz einem Sieg gegen den späteren Weltmeister Spanien in der Gruppenphase ausschied, lag auch am Versagen des damaligen Trainers Ottmar Hitzfeld.

von
Benjamin
Rothschild
Uhr

Der ehemalige Schweizer Nationaltrainer Ottmar Hitzfeld anlässlich eines Schulbesuchs in der Region. (Archivfoto: Nicolas Zonvi)

Nach dem gelungenen Auftakt gegen Brasilien und vor dem heutigen Spiel gegen Serbien werden Erinnerungen wach: Schon einmal gelang es der Schweizer Nati in einem Auftaktspiel gegen einen WM-Topfavoriten einen Coup zu landen, ehe sie gegen einen vermeintlich ebenbürtigen Gegner zum Schlüsselspiel antreten musste.

In Südafrika besiegten die Schweizer vor acht Jahren in ihrer ersten Partie die überlegenen Spanier mit 1:0 und schufen sich eine hervorragende Ausgangslage. Doch das Spiel gegen Chile geriet zum Fiasko, die 0:1-Niederlage markierte den Anfang vom Ende der Schweizer WM-Kampagne. Dass es so weit kam, lag in erster Linie an verhängnisvollen Personalentscheiden des vermeintlichen Übertrainers Ottmar Hitzfeld.

Nach dem glückhaften, aber mit einer geschlossenen Mannschaftsleistung fast schon heldenhaft erkämpften Überraschungserfolg gegen Spanien, nahm Hitzfeld im Hinblick auf das Chile-Spiel zwei personelle Änderungen vor: Für den im Auftaktspiel emsigen Tranquillo Barnetta rückte Valon Behrami in die Mannschaft. Und auch Eren Derdiyok musste weichen. Ausgerechnet Derdiyok! Jener damals noch so hoffnungsvolle junge Stürmer, der gegen Spanien aufopferungsvoll gekämpft hatte. Der sich in Winkelried-Manier in die Iberische Abwehr geworfen und so den entscheidenden Treffer durch Gelson Fernandes ermöglicht hatte. Er wurde durch Alex Frei, den Captain, ersetzt. Dessen Fitness war zwar fraglich, seinen Startelfeinsatz hatte er aber mit demonstrativer Übellaunigkeit quasi ertrotzt.

Die Bilanz der Änderungen: Behrami, der heutige Teamleader, wurde nach einem ungestümen Einsteigen nach einer halben Stunde vom Platz gestellt. Und der angeschlagene Alex Frei hielt gerade einmal 42 Minuten durch, ehe er durch Barnetta ersetzt werden musste.

Vom Boulevard geschützt

Jeder andere Trainer wäre nach derartigen personellen Fehleinschätzungen von der Presse im Heimatland gegrillt worden. Nicht so Hitzfeld: Er genoss in der Schweiz den Status des unantastbaren Übertrainers – was einerseits mit seinen vergangene Erfolgen auf Clubebene (mit Borussia Dortmund und Bayern München hatte er die Champions League gewonnen), andererseits aber auch mit seinen guten Kontakten zu einem grossen Schweizer Medienhaus zu tun hatte.

Der Boulevard schoss sich nach der Chile-Niederlage dann auch auf den Schiedsrichter aus Saudi-Arabien ein (Titel: «Schiri du Kamel!»), statt Hitzfelds Startelf-Änderungen zu hinterfragen. Und in der Retrospektive gilt vor allem das torlose Unentschieden gegen Honduras – und nicht die Pleite im Chile-Schlüsselspiel  –  als Sinnbild des Schweizer Versagens an der WM 2010. Dezidierte Kritik am Nationaltrainer Hitzfeld – sie blieb über seinen Rücktritt nach der WM 2014 hinaus eine Art Tabu.

Hierarchiegläubigkeit

Dabei ist das vercoachte Chile-Spiel kein Ausreisser, sondern vielmehr Sinnbild für eine zumindest zweifelhafte Eigenschaft des einstigen Welttrainers Hitzfeld: Seine Hierarchiegläubigkeit. Auf Clubebene war diese mitunter förderlich, als er seine Teams um überragende Leaderfiguren wie Sammer (BVB) oder Effenberg (Bayern) aufbaute.

Als Nati-Coach aber verlangsamte er mit seinem manchmal fast schon blind anmutenden Vertrauen gegenüber teils zweifelhaften Führungsspielern wie Frei oder Huggel einen notwendigen Verjüngungsprozess über Gebühr. Der «Coach des Umbruchs», als welcher Hitzfeld gefeiert wurde, nachdem er im Euro-Quali-Spiel gegen England 2011 auf Spieler wie Xhaka oder Shaqiri setzte, war Hitzfeld jedenfalls nicht. Der Umbruch wurde ihm aus Alternativlosigkeit vielmehr aufgezwungen.

Kommt hinzu, dass sich Hitzfelds resultatorientierte Spielphilosophie schon vor seinem Amtsantritt als Nati-Trainer überholt hatte. «Fussball ist keine Mathematik», hatte Bayern-Boss Karl Heinz Rumenigge Hitzfeld in dessen letzter Saison als Clubtrainer an den Kopf geworfen.

Es ist der von den Medien weitaus kritischer beäugte Vladimir Petkovic, der rund um die Schweizer Nati einen Mentalitätswandel herbeiführte und jenen mutigen Spielstil implementierte, der heute das Fundament für die selbstbewussten Auftritte wie zuletzt gegen Brasilien bildet.

An Petkovic liegt es nun, aus den Fehlern seines Vorgängers Hitzfeld zu lernen – und bei der Auswahl der Startelf weniger auf Loyalitäten und Hierarchien denn auf Leistung zu setzen.

 

 
Autor: Benjamin
Rothschild