Jammern im Chor

Im Blog Glattwegs berichten Redaktoren aus dem Glattal regelmässig aus ihrem Alltag. Diesmal dreht sich alles ums Jammern.

von
Marko
Stevic
Uhr
SCHWEIZ SESSION NATIONALRAT

Auch im Nationalrat werden oft die Köpfe zusammengestreckt und gemeinsam lamentiert. (Foto: Keystone)

Wo ich mich auch aufhalte, die Umwelt um mich herum ist einfach dem Gejammere verfallen. Während der Arbeit als Logistiker suche ich den Pausenraum gar nicht mehr auf, denn dort lauern sie bereits: die Arbeitskollegen, die ihre Pause nicht besser zu nutzen wissen, als mit Gejammere über andere Mitarbeiter, die Chefs oder die Kinder.

Überteuert und unpünktlich

Wenn ich mein Feierabendbier danach zu mir nehme, gebe ich mir oft zwei oder drei Hülsen, denn ich muss ja schliesslich auch in der Freizeit das Gejammere meiner Kollegen ertragen. In der Schweiz sei alles überteuert, heisst es. Die öffentlichen Verkehrsmittel seien niemals pünktlich – das erzählen sie, wenn sie sich eine halbe Stunde verspäten. Das Wetter sei schrecklich, die Frauen hierzulande umso schrecklicher, so sagen sie, während sie am Zürichsee das Wetter geniessen, Frauen begaffen und sich Bratwürste in ihre Mäuler stopfen.

Aus den gleichen Mäulern kommen die Schimpftiraden über andere Länder und Menschen. Verreise ich mit den Meckertanten in ein anderes Land, nimmt das Trauerspiel kein Ende. Die Bedienung brauche zu lang Zeit oder sei faul, die öffentlichen Verkehrsmittel hätten keine Klimaanlagen, die Frauen seien arrogant. Und das Allerschlimmste ist: Ehe man sich versieht, wurde man mit dem Gejammer angesteckt. Man jammert selbst, man jammert, man jammert und jammert.

Kontaktabbruch nützt nichts

Oft breche ich den Kontakt mit diesen jammernden Menschen ab, doch der Entzug hilft nicht. Nach einiger Zeit kontaktieren sie einen erneut und jammern darüber, dass man sich nicht meldet. Dann wird man selbst wieder rückfällig und fängt zu jammern an. Irgendwann aber wird die Stille unerträglich – dann trifft man die jammernden Leute erneut und jammert gerne im Chor.

Autor: Marko
Stevic