Pommes als Leib Christi

Im Foodblog dreht sich alles ums Essen. Heute: Was die Kirche von einem Fastfoodimbiss in Norddeutschland lernen kann.

von
Deborah
von Wartburg
Uhr

Vor kurzem besuchte ich meinen Onkel im beschaulichen Verden in Norddeutschland. Weil für mich Currywurst und Pommes zu Ferien in Norddeutschland einfach dazugehören, fragte ich nach der besten Imbissbude der Stadt. «Geh zu Jesus-Pommes», sagt er. Ich: «Was?» Er: «Ja, genau, das ist so ein Typ, der erzählt dir was von Jesus, aber die Pommes sind genial!»

Im Hinterhof der Polizei wartet das Paradies

Das klang so skurril, das musste ich sofort ausprobieren. Also fuhr ich in das beschriebene Industriegebiet und irgendwo hinter dem Polizeigebäude versteckte sich wirklich ein Imbisswagen mit der Aufschrift «Pommes Goldgelb». Oben wehte eine Jesus-Fahne. Der Wagen war über und über beklebt mit Jesus-Sprüchen. «Die frohe Botschaft ist auch für dich da» stand da zum Beispiel in gelben Lettern.

Und während ich auf Pommes und XXL-Currywurst wartete, hörte ich dem Verkäufer zu. Er sprach gerade mit einer älteren Frau über – ja jetzt darf ich diese Phrase benutzen – Gott und die Welt. Von Jesus ging’s zum Islam, zur AfD und weiter frischfröhlich zur Frage, die in unserem nördlichen Nachbarland jeden irgendwie zu beschäftigen scheint: Was ist eigentlich deutsche Leitkultur?

Der Pommes-Macher wirkte zwischen all seinen Jesus-Sprüchen aber nicht wie ein Sektenwirrkopf oder wie ein übermotivierter Missionar. Im Gegenteil: Er schien sehr nahe bei den Leuten zu sein, und das kommt an. Viele kommen her, weil es skurril ist, einige möchten wohl gern mit ihm über das Leben reden und andere wollen einfach nur hier essen.

«Der Pommesprediger»

Mit einem «gesegnete Mahlzeit» reichte der Mann mir meine heiss ersehnte Figursünde. Die XXL-Currywurst schwamm in Sauce und die Pommes dampften noch. Ob es eine Extraschicht frittiertes Glutamat war oder doch der göttliche Segen, der meinem Mahl anhaftete, weiss ich nicht, aber es schmeckte tatsächlich unglaublich gut. Und obwohl ich persönlich nicht viel mit Religion zu tun habe, muss ich zugeben: Ich war beeindruckt.

Medienwirksam war das Ganze auf jeden Fall. Denn, wie meine Recherchen ergaben, hat es der sogenannte «Pommes-Prediger» in beinahe jedes Regionalmedium des Bundeslandes geschafft. Radio Bremen hat zum Beispiel einen Beitrag über ihn gemacht, der mit epischer Kirchenmusik unterlegt war. Dabei konnten sich die Redaktoren einige geschmacklich fragwürdige Formulierungen nicht verkneifen: «Er macht nicht nur Wurst und Pommes heiss – sondern auch Menschen. Auf Gott»

Zum Beitrag:

In meinen Augen ist dieser Mann ein Marketing-Genie. Vielleicht sollte der Vatikan die öden Oblaten auch mal durch frittierte Kartoffelschnitze ersetzen. Pommes als Leib Christi. Warum nicht? Denn während der klassischen Kirche die Gläubigen davonrennen, strömen die Verdener in Scharen zu diesem Mann. Näher als mit Fast Food und einem offenen Ohr kann man an den Bedürfnissen der Menschen gar nicht dran sein.

Der Pommes-Prediger wirkte auf mich jedenfalls glaubwürdiger als so mancher Priester. Und übrigens auch günstiger. Denn anstatt 750 bis 1400 Franken Kirchensteuer pro Jahr (Zürcher Zahlen) habe ich dem Pommes Prediger lediglich 3.50 Euro abtreten müssen. Inklusive Segenswunsch und vollem Bauch.

 

Autor: Deborah
von Wartburg