Swissveg in Winterthur feiert Jubiläum

«Damals kannten viele das Wort vegan noch nicht»

Die Swissveg, eine Organisation für vegetarische und vegane Ernährung, feiert das 25-Jahr-Jubiläum. Renato Pichler sitzt seit der Gründung in der Geschäftsleitung, die ihren Sitz in Winterthur Wülflingen hat. Das Wissen und die Akzeptanz über eine pflanzenbasierte Kost hat sich gemäss dem 49-Jährigen in den letzten Jahren stark verändert.

von
Tanja
Altenburger
Uhr

Renato Pichler hat die Kenntnisse der Bevölkerung über vegetarische und vegane Ernährung vorangetrieben. Die Organisation Swissveg, die er vor 25 Jahren mitgegründet hat, feiert Jubiläum. Die Vereinigung hat ihren Sitz in Wülflingen und koordiniert von dort aus die zahlreichen Projekte, mit denen sie die Menschen über pflanzliche Kost informiert.

 

Wie haben Sie selbst zum Veganismus gefunden?

Renato Pichler: Das ist schon lange her. Vor über 25 Jahren habe ich angefangen, mich bewusster mit unserer Ernährung auseinanderzusetzen. Ich wollte das Töten von Tieren durch meine Ernährung nicht weiter unterstützen und habe aufgehört, tierische Produkte zu konsumieren. Es ist nicht von heute auf morgen passiert, aber mit der Gründung des Vereins gab es dann keine Ausnahmen mehr.

Wie hat sich die vegetarische und vegane Gesellschaft in der Schweiz in den letzten 25 Jahren verändert?

Sehr stark. Damals, als der Verein gegründet wurde, kannten viele noch nicht einmal das Wort «vegan» und der Vegetarismus war auch noch nicht weit verbreitet. Man wusste noch sehr wenig über die Schlachthäuser, die Tiermast oder die Tierhaltung. An diese Informationen kommt man heute dank Internet und sozialen Medien viel leichter. Es ist mittlerweile bekannt, dass kommerzielle Aspekte bei der Fleischproduktion leider oft wichtiger sind als das Wohl der Tiere. Nebst den ethischen Gründen sind in den letzten 25 Jahren die Umweltaspekte hinzugekommen. Viele Konsumenten wussten nicht, dass die meisten Tiere auch mit Sojabohnen aus Regenwaldgebieten gefüttert werden.

Für vegane Fleischalternativen wie Tofu werden auch Sojabohnen verarbeitet. Welchen Einfluss haben diese auf die Umwelt?

Es gibt einen klaren Unterschied zwischen importiertem Soja aus Massenproduktion und den Sojabohnen, die für die menschliche Ernährung angebaut werden. Diese stammen nämlich hauptsächlich aus der Schweiz oder aus umliegenden europäischen Ländern. Grösstenteils stammen die Bohnen auch aus biologischer Landwirtschaft. Hinzu kommt, dass es auch noch viele andere Lebensmittel gibt. Es ist ein Vorurteil, dass sich Veganer ausschliesslich von Soja ernähren. Ich persönlich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal Tofu gegessen habe.

 

«Man sieht wohin der Trend geht.»

 

Weshalb haben Sie Winterthur als Ihren Standort ausgewählt?

Wir waren früher in der Ostschweiz. Das war für unsere Mitarbeiter aus der Region Zürich nicht optimal. Winterthur war ein guter Kompromiss für die Angestellten, die noch aus der Ostschweiz anreisen müssen.

Sind Sie zufrieden mit dem vegetarischen und veganen Angebot in Winterthur?

Ja. Wir haben das Tofulino in der Altstadt als einen rein veganen Laden. Auch im Tibits kann man gut essen. Es hat sich einiges entwickelt, seit wir hier sind. Natürlich kann es immer besser sein, aber man sieht, wohin der Trend geht.

Sie sind als Gründungsmitglied der heutigen Swissveg-Vereinigung bereits seit 25 Jahren als Geschäftsführer im Amt. Was sind in Ihren Augen die Höhepunkte aus dieser Zeit?

Zum einen der Bewusstseinswandel in der Bevölkerung. Früher wurden wir an öffentlichen Informationsständen teilweise angepöbelt, wohingegen sich die Leute heute sogar bei uns für ihren Fleischkonsum entschuldigen oder ein schlechtes Gewissen haben. Zum anderen haben wir in der Schweiz erreicht, dass die Begriffe vegetarisch und vegan gesetzlich festgelegt wurden. Früher hätte man einen Salat mit Speckwürfeli als Vegi-Teller verkaufen dürfen. Ein weiteres Highlight ist unsere europaweite V-Label-Linie. Alle grossen Lebensmittelanbieter in der Schweiz lassen mittlerweile ihre Produkte von uns zertifizieren. Mit dem Label ist auch eine weltweite Expansion geplant. Wir sind mit Ländern wie Kanada, Südafrika, Taiwan oder Russland im Gespräch. Die Nachfrage ist auf jeden Fall vorhanden. Es ist für den Konsumenten viel einfacher, wenn er sich auf ein Label verlassen kann.

 

«Diese Menschen sind schlecht informiert.»

 

Was waren die grössten Rückschläge?

Es ging alles viel langsamer, als wir es uns erhofft hatten. In der Schweiz braucht alles seine Zeit, dafür ist es nachher aber auch stabiler.

Sie sind nebst Geschäftsleiter auch Experte für verschiedene Medienformate wie die Arena und Gründungsmitglied der Vegi-Stiftung oder der Tierpartei Schweiz. Wie bekommen Sie all das unter einen Hut?

Ich versuche, mich auf das Wichtigste zu konzentrieren. Ich baue diverse Projekte auf und gebe diese dann aber an andere Menschen ab. Dadurch kann ich mich auf das Koordinieren konzentrieren und muss nicht jede einzelne Arbeit selbst erledigen, dafür wäre die Zeit nicht da.

Viele Menschen sind der Meinung, dass man über eine pflanzenbasierte Ernährung nicht genügend Proteine aufnehmen kann. Was sagen Sie dazu?

Diese Menschen sind schlecht informiert. Es gibt zahlreiche Bodybuilder, die vegan leben. Es stimmt nicht, dass man tierisches Protein braucht, um Muskeln aufzubauen oder um stark zu sein. Es hat praktisch in jedem Nahrungsmittel Proteine. Natürlich ist es wichtig, sich ausgewogen und abwechslungsreich zu ernähren, aber das sollte man bei jeder Ernährungsweise. Ich achte nicht speziell darauf, dass ich genügend Proteine aufnehme. Damit geht es mir seit 25 Jahren gut.

 

«Pläne haben wir viele.»

 

Gibt es keinen wichtigen Nährstoff, den wir nur über tierische Lebensmittel aufnehmen können?

Es gibt eine Ausnahme: Vitamin B12. Das hängt aber mehr mit unserer industriellen Nahrung zusammen. Das Vitamin kann nur von Bakterien hergestellt werden. Heute wird aber alles daran gesetzt, dass unsere Nahrungsmittel  auf keinen Fall mit Bakterien in Berührung kommen. Dadurch haben auch Fleischesser generell einen Mangel an B12. Sie haben hier allerdings den Vorteil, dass man die Schlachttiere oder Milchkühe mit dem Vitamin füttern kann. So kann es über den Konsum von tierischen Lebensmitteln aufgenommen werden. Dieser Umweg über einen Tiermagen wäre aber nicht nötig.

Hat die Swissveg noch weitere Pläne in der Zukunft?

Momentan arbeiten wir gerade an der Huhngesund-Kampagne, um die Bevölkerung über Hühnerfleisch aufzuklären. Als nächstes werden wir dann vermutlich eine Kampagne zum Fischkonsum lancieren. Pläne haben wir viele. Wir werden sehen, was umsetzbar ist.

Autor: Tanja
Altenburger

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